Medien-Projekt-Kopfleiste

Sandra zwischen Chat und Realität

Es ist mitten in der Nacht. Sandra kann nicht einschlafen – sie liegt hellwach in ihrem Bett und ihre Gedanken kreisen nur um ein einziges Thema: der Chat. Sie fragt sich, ob ihr jemand eine neue Nachricht geschickt hat und wer jetzt noch online ist. Sandra muss es wissen. Jetzt sofort! Also springt sie aus dem Bett, fährt ihren Laptop hoch und wartet ungeduldig darauf, dass sie sich endlich im Chat einloggen kann. Sandra starrt auf den Bildschirm. Tatsächlich, eine Nachricht! Die 18-Jährige klebt förmlich an der Tastatur, wobei ihr Blick nur auf das Chat-Fenster gerichtet ist. Sie ist gefangen in der virtuellen Internetwelt. Und das jeden Tag. Aber was ist bloß so faszinierend an dieser Welt? Sandra berichtet über ihre Sucht und deren Folgen.

Sandra:“Vor ein paar Jahren habe ich meinen eigenen Internetanschluss bekommen. Da ich zwar noch nie in einem Chat war, aber schon vieles davon gehört hatte, wollte ich es selbst einmal testen. Also meldete ich mich in einem bekannten Chat-Room an. Zuerst war ich etwas skeptisch, doch als mich plötzlich ein Mädchen in meinem Alter anschrieb, wurde mir bewusst, wie viele Möglichkeiten mir solch ein Chat bietet. Das Faszinierende war, dass ich dort zu einer Persönlichkeit geworden bin, denn ich war plötzlich wie ausgewechselt. Im realen Leben war ich ein Niemand. Keiner hat mich verstanden – kaum jemand wollte mit mir befreundet sein. Ich hatte keine Freude mehr am Leben. Zum Glück gab es ja den Chat, wo ich von meinen Problemen befreit war, zumindest für eine gewisse Zeit, weil die anderen Personen im Chat meine Vorgeschichte nicht kannten und sich dafür interessiert haben, was ich denke bzw. fühle. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich anerkannt.“ Jedoch hielt dieses Glück nicht lange an. Sandra vergaß alles andere um sich herum, sodass alle sozialen Kontakte außerhalb des Internets von ihr abgeblockt wurden. Doch sich ihre Sucht eingestehen – das wollte das Mädchen nicht...

Sandra: „Als mich meine Eltern eines Tages fragten warum ich denn nichts anderes mehr unternehme außer am Laptop zu sitzen, antwortete ich nur, dass ich für die Schule so viel machen müsse obwohl ja die Schule längst zur Nebensache geworden war. Meine Noten wurden schlechter, unter anderem auch deshalb, weil ich mich im Unterricht nicht mehr konzentrieren konnte, dabei stand ich kurz vor dem Abitur. Außerdem habe ich meine einzige und beste Freundin im Stich gelassen. Ich war nicht mehr für sie da, wenn sie meine Hilfe brauchte.“ Als Sandra mal wieder mit einem Mädchen chattete, stellte sich heraus, dass dieses Mädchen in der selben Straße wohnt wie sie. Nachdem Sandra wusste, wer sie genau war, bemerkte Sandra, dass sie im richtigen Leben ganz anders war als im Chat.

Somit wurden ihr die Augen geöffnet. Sandra: „Schlagartig wurde mir klar, was ich das ganze letzte Jahr über verpasst hatte: Kontakt zur Außenwelt! Die virtuelle Welt ist eine Scheinwelt, in der nichts so ist wie es scheint. Auf Dauer bin ich noch mehr vereinsamt als zuvor, denn sowohl meine letzte Freundin als auch meine Eltern haben sich von mir entfernt oder besser gesagt: Ich habe mich von ihnen distanziert.“

Und wie ging es nun für Sandra weiter? Zuerst schaltete sie den Laptop aus (sonst war er fast 24 Stunden eingeschaltet!) und machte anschließend einen Spaziergang in der realen Welt, denn auch Sandras körperliche Gesundheit hatte gelitten aufgrund von Bewegungsmangel. Doch Sandra schaut positiv in die Zukunft: „Seitdem ich 'clean' bin, weiß ich mein Leben zu schätzen. Mein Abitur werde ich voraussichtlich bestehen, mit meiner besten Freundin habe ich mich wieder vertragen und auch das Verhältnis zu meinen Eltern ist fast so wie früher, nur mit der Ausnahme, dass sie sich jetzt mehr für meine Probleme interessieren und sie ernst nehmen. Bis jetzt habe ich keinen einzigen Chatroom mehr betreten!“

Zum Glück hat Sandra es geschafft sich von ihrer Sucht zu befreien. Allerdings gibt es allein in Deutschland über 1 Mio. Menschen, denen es so ähnlich geht und die es nicht in die Freiheit schaffen, die noch immer in ihrer isolierten Welt gefangen sind. Zudem ist der Bereich „Mediensucht“ noch zu unerforscht, um konkrete Behandlungsmöglichkeiten vorzuschlagen.

"Der Chat ersetzt das Leben. Deshalb seine Popularität." - frei nach Stefan Napierski

"Der Ausdruck der Persönlichkeit erreicht seine Erfüllung nur durch Kommunikation." - Pearl S. Buck

"Man kann nicht nicht kommunizieren." - Paul Watzlawick

"Ich spiele den unglücklich Verliebten. Sie ist der moderne unromantische Typus, immer am Computer und am Handy. Auch dadurch kehren sich die Rollenverhältnisse um. Die Rolle des femininen Mannes entspricht mir sehr." - Gérard Depardieu

Medien, Medien - überall nur Medien
Literaturprojekt 2007/2008 von G.Goßmann und F.Wackermann